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Zehn Jahre Lesungen

Hier nun mal wieder ein freudiges Zucken meines Spielbeins, der Schriftstellerei. Ein Zucken, das mit einer der schönsten Lesungen einhergeht, die ich je hatte, was mir einen Erinnerungsflash deluxe verpasste, der mich von Homberg in Hessen nach Oelde im Münsterland schleuderte, ins Kranzbach in Oberbayern und ins Münchner Literaturhaus, auf einen Gipfel in 1750 Meter Höhe über Österreich, in Kinos, Hotels, Cafés und Buchhandlungen. Denn was mir infolge des jüngsten Auftritts bewusst wurde: In diesem Sommer vor zehn Jahren hatte ich meine allererste Lesung, aus meiner allerersten Kurzgeschichte (Danke für das frühe Vertrauen, Oliver Uschmann!). Zehn Jahre später sind zwei Romane von mir erschienen, ein dritter ist in Arbeit. Aber es gibt auch Probleme, dazu später mehr.

Zunächst zurück zum Zucken. Vor einer Woche also hatte ich eine Lesung in Homberg an der Ohm, die erste in diesem irren Jahr, eine Klappstuhllesung. Mein Lieblingsmensch alias Anne Sanders alias Lea Coplin alias Ich-mach-dich-schizophren-mit-meinen-pseudonymen (noch ohne Verlag) und ich hatten Ehre und Vergnügen, gemeinsam mit der Drehbuchautorin und Schriftstellerin Astrid Ruppert und dem Singer-Songwriter Jup Thorn ein hygienekonformes Open-Air-Happening (oder soll ich schreiben: Häppchening?) in Astrids zauberhaftem Garten zu gestalten. Zwar verpasste ich an jenem Abend das unnachahmliche Champions-League-Spiel der Bayern gegen Barcelona. Aber was ist schon ein 8:2, wenn man der 0815-Trostlosigkeit des Literatur-Lockdowns trotzen kann? Und mal wieder aus „Im Regen erwartet niemand, dass dir die Sonne aus dem Hintern scheint“ (Piper) lesen darf, jenem Buch, über das mein ehemaliger Gymnasiallehrer kürzlich sagte, es sei ein „höchst vergnügliches und intellektuell anregendes Spiel mit Märchenstrukturen, Erzählperspektiven und vor allem mit Worten und Wortgruppen.“ Aber bleiben wir an der Ohm. Was für ein blühendes Erlebnis im Grünen das doch war! So viele dankbare und kulturhungrige Menschen auf Abstand. So viele schöne Sätze von den Kolleginnen, so viel Spaß! Das motiviert ungemein, an all die Lesungen der vergangenen Jahre anzuknüpfen, für die ich einfach nur dankbar bin: für die Buchpremiere zu „Für immer Juli“ (MaroVerlag, ihr seid die Besten!) im Das Kranzbach, den Mix-Abend im Literaturhaus Muenchen, die Premiere zu „Im Regen …“ bei Literatur Moths, die ausverkaufte Lesung in der Buchhandlung Schmid in Schwabmünchen, einem der besten Buchstabenläden, die ich kenne (weiter so, Hans!).

Und so geht es denn voran: Mein dritter Roman wächst, eine tragikomische Ausreißergeschichte über das Aufwachsen auf dem Land und das erste große Abenteuer in der Welt, ein sehnsuchtsvolles Coming-of-Age aus den Neunzigern über die Schwierigkeit des ersten Kusses und die des letzten. Was derzeit fehlt, ist ein Verlag, und nicht nur das: die literarische Heimat. Diese ist, das kann sich jeder ausmalen, schwieriger zu finden denn je, in coronazermürbten Zeiten wie diesen. Aber ich bleibe optimistisch, das blieb ich stets. Und schreibe und lese einfach weiter.